L. Fuchs, Rede

Leonhart Fuchs (1501 – 1566)

(Rede von Herrn von Streit, Erster Bürgermeister der Stadt Wemding)

1696/97 entdeckte der im Auftrag des absolutistischen Königs Ludwigs XIV. forschende französische Franziskanerpater und Botaniker Charles Plumier in Santo Domingo auf der Antilleninsel Hispaniola einen Blütenstrauch, den er zu Ehren des Mediziners und Botanikers Leonhart Fuchs ‚Fuchsia triphylla flore coccinea" nannte.

Rund 130 Jahre nach seinem Tod war also Leonhart Fuchs nicht in Vergessenheit geraten, ganz im Gegenteil, der Franziskanerpater erinnerte sich seiner Lebensleistung und benannte daher den Blütenstrauch, der zur Gruppe der Gehölze zählt, nach ihm.

Wer war dieser Leonhart Fuchs? Worin bestand seine Leistung? Was hat ihn über die Jahrhunderte hinweg bekannt gemacht? Warum gedenken wir seiner Person heute, im Jahre seines 500. Geburtstages?

Ich möchte versuchen, mich dieser zu seiner Zeit bekannten und berühmten Person anzunähern, wobei diese Annäherung auf zu große Details verzichtet und auch nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Aufarbeitung erhebt, sondern nur den ersten Kontakt herstellen möchte.

Menschen werden bekanntlich in Raum und Zeit hinein geboren. Sie werden vom Zeitgeist geprägt oder aber sie versuchen Zeitgeist zu sein, indem sie Meinungsführerschaft übernehmen und mit anderen Gleichgesinnten der Zeit den Stempel aufzudrücken versuchen.

Leonhart Fuchs gehörte zur Kategorie der Vordenker. Er wurde an der Schwelle zur Neuzeit geboren, an der Nahtstelle zwischen dem Mittelalter und der Renaissance. Es war dies eine Zeit, von der Ulrich von Hutton sagte: O Jahrhundert, o Wissenschaft! Es ist eine Lust zu leben. Die schönen Wissenschaften müssen wieder aufleben." Renaissance und Reformation bildeten die beiden geistigen Strömungen der Zeit, denen sich die führenden Geister zu Beginn des Jahrhunderts nicht entziehen konnten. Auch der gebürtige Wemdinger Leonhart Fuchs befand sich im Epizentrum dieser Leitströmungen, die auf die Wiedergeburt der Antike, Vernunft und Empirie bauten.

Am Nordwestrand des Rieses liegt ein kleines von mächtigen Mauern umgebenes Städtchen, das vor sich hinzudämmern scheint. Die mit Stroh bedeckten, teilweise vorkragenden Häuser stehen eng an eng, bilden dadurch schmale Gassen, durch die das Vieh aus der Stadt herausgetrieben und wieder hineingetrieben wird.

Alles scheint in dieser Ackerbürgerstadt geruhsam und fast idyllisch, das Leben verläuft in geordneten, fest abgegrenzten Formen und Bahnen ab.

Nachtwächter und Türmer sorgen für den Schutz und die Geborgenheit in dieser Kleinstadt, die seit der Stadterhebung von 1348 das Selbstverwaltungsrecht besitzt. Zum zitierten Selbstverwaltungsrecht gehört ein Bürgermeister, der die inneren und äußeren Angelegenheiten zu regeln hat. Die Familie Fuchs, eine alteingesessene, angesehen und vermutlich relativ begüterte Familie baut um ca. 1450 an der Südostecke des Marktplatzes ein Haus Nr. 102. In eben diesem Haus wurde am 17. Januar 1501 Leonhart Fuchs als Sohn des Wemdinger Bürgermeisters Hans Fuchs geboren. 1506 verstarb der Bürgermeister und sowohl der Großvater als auch die Mutter kümmerten sich um die schulische Bildung des begabten Jungen. Seit ungefähr 1469 existierte in Wemding eine Lateinschule, die er wohl besucht haben dürfte. Solange es keine deutschen Schulen gab, war es die Aufgabe des Magisters, auch die Elementarkenntnisse einer Volksschule zu vermitteln, also das Lesen, Rechnen und Schreiben.

Bereits mit 10 Jahren verließ der junge vorgebildete Leonhart Fuchs seine Heimatstadt, um nur noch einmal zu einer Art Stippvisite, die im Zusammenhang mit dem Umbau der Lateinschule stand, zurückzukehren. Sehr früh also, vermutlich für damalige Zeiten nichts außergewöhnliches, wenn man reüssieren wollte, nabelte sich Leonhart Fuchs von Zuhause ab, machte 1516 nach dem Universitätsbesuch in Erfurt sein Bakkalaureatsexamen, was dem ehrgeizigen jungen Mann jedoch nicht genügte. Ab 1519 studierte er in Ingolstadt, um seine humanistische Bildung im Sinne einer Universalbildung zu vervollständigen. Nach seiner Magisterprüfung 1521 und der 1524 erfolgten Promotion zum Medicinae Doctor praktizierte er für zwei Jahre in München.

Hier heiratete er die Ratsherrentochter Anna Friedberger, ein, wie es heißt, "wohlerzogenes, ehrbares Mädchen aus achtbarer Familie". Insgesamt sieben Kinder (drei Söhne und vier Töchter) sollten aus dieser Ehe hervorgehen.

Nach den verschiedensten Lebens- und Berufsstationen – der relativ häufige Wechsel des Wohnortes und der Lehrtätigkeit hing mit finanziellen Gegebenheiten, aber auch mit seiner Hinwendung zur lutherischen Lehre zusammen – berief Herzog Ulrich von Württemberg nach längeren Verhandlungen und auf Empfehlung Philipp Melanchthons Leonhart Fuchs als Medizinprofessor an die protestantisch und humanistisch zu reformierende Universität Tübingen. Am 13. August 1535 trat er dort sein Amt an. Zwischen 1535 und 1565 hatte er siebenmal die Funktion eines Dekans inne.

Mit großem Ernst und außergewöhnlichem Fleiß hat sich Leonhart Fuchs zunächst mit der Medizin befasst und wurde einer der bedeutendsten humanistischen Mediziner seiner Zeit.

Die Medizin galt als abgeschlossene Buchwissenschaft, die von anerkannten Autoritäten zu erlernen war. Die mittelalterliche Medizin basierte auf den Schriften der Griechen und Araber. Medizinische Versorgung, das bedeutete damals: Fachkundiger Rat, das Mittel der Arznei und das Messer als Medium der Chirurgie. "Was das Wort nicht heilt, das heilt das Kraut. Was das Kraut nicht heilt, das heilt das Eisen, was das eisen nicht heilt, das heilt das Feuer. Was das Feuer nicht heilt, das heilt der Tod." diese Aussage der Hippokratiker umschreibt die Heilmöglichkeiten damaliger Medizin. Die Griechen Hippokrates (460-377 v. Chr.) und Galenos (131-201 n.Chr.) galten dem Humanisten Fuchs als unumstößliche Autoritäten. Er verstand sich nicht so sehr als praktischer Arzt, sondern als akademischer Lehrer und medizinischer Schriftsteller mit dem erklärten Ziel einer sprachreinigenden Erneuerung der griechischen und der Eliminierung der arabischen Medizin.

So schrieb Leonhart Fuchs 1530 sein für Aufsehen sorgendes Werk: "Irrtümer der neueren Ärzte", worin er die arabische Medizin rundweg als Irrlehre ablehnte. Es ging ihm auch um die praktische Wiedergewinnung der antiken Kenntnisse über die Heilmittel. Einer sinnvollen Anwendung antiker Rezepturen stand die Unkenntnis der verwendeten Ingredienzien, vorwiegend aus dem Bereich der Pflanzen, entgegen. Um also auch wie in der Medizin das Wissen der Griechen zu reaktivieren und zu systematisieren, befasste sich Leonhart Fuchs intensiv mit der Flora. Die Botanik als eigene Disziplin, als eigene Wissenschaft gab es nicht. Leonhart Fuchs sah sie als Zulieferer für die Medizin, d.h., seine ausführlichen botanischen Studien entwickelten sich zunächst als medizinisches Nebenprodukt.

In Tübingen schloss er sein schon in Ansbach begonnenes Werk "De Historia stirpium" ab, eine über 900 Seiten umfassende für akademische Kreise bestimmte Pflanzenmonographie. Die 511 einmaligen Pflanzenabbildungen des 1542 erschienenen Werkes blieben über Jahrhunderte hinweg bis heute Vorbild der botanischen Illustration.

"Der Identifizierung und Gleichsetzung der Pflanzen aus der griechischen Welt mit heimischen Kräutern dienen neben den Beschreibungen und arzneilichen Indikationen vor allem die beigegebenen künstlerisch und wissenschaftlich hochwertigen ganzseitigen Abbildungen der jeweiligen Pflanze, die für die neuzeitlich wissenschaftliche Botanik wegweisend geworden sind."

Bereits im nächsten Jahr, also 1543, lag in kompletter deutscher Übersetzung sein ähnlich umfangreiches "New Kreüterbuch" gedruckt vor. Das Neue gegenüber älteren Kräuterbüchern, die es bereits vor Leonhart Fuchs gab, beschrieb er bereits im Titel der deutschen Fassung, die speziell für die nichtakademischen Apotheker und als eine Art Hausarzneibuch für Laien gedacht war. "Neues Kräuterbuch, in dem nicht nur das gesamte Wissen – Namen, Gestalt, Ort und Zeit des Vorkommens, Eigenarten, Wirkstoffe und Heilkraft – über die meisten in Deutschland und anderen Ländern wachsenden Pflanzen dargelegt wird, sondern auch deren Wurzeln, Stängel, Blätter. Blüten, Samen, Früchte und der Gesamthabitus kunstvoll und naturgetreu wiedergegeben werden".

 

Wenn Leonhart Fuchs in seinem Vorwort von kunstvoll und naturgetreu spricht, so muss der Vollständigkeit halber erwähnt werden, dass er für die Illustrationen drei geradezu begnadete Künstler engagiert hatte, nämlich Albrecht Meyer, der die Pflanzen als Vorlage für den Holzstock aus Linde oder Ahorn aquarellierte, Heinrich Füllmauer, der sie auf die feingeschliffenen Holzplatten übertrug und Rudolff Speckle, dessen Aufgabe darin bestand, die Details erhaben herauszuarbeiten. Die hohe Wertschätzung, die Fuchs ihrer künstlerischen Leistung zumaß, belegen ihre Portraits in beiden Werken – ein für die damalige Zeit ganz außergewöhnlicher und einmaliger Vorgang.

Herausgabe und Vertrieb der botanischen Bücher waren kein finanzieller Erfolg, doch Leonhart Fuchs war offensichtlich vom "Pflanzenfieber" befallen und scheint die medizinischen Studien zunehmen als sekundär betrachtet zu haben. Unentwegt sammelte er, ließ auf eigenen Kosten Zeichnungen, Holzstöcke und Probedrucke der neu aufgenommenen Pflanzen anfertigen.

Vergeblich jedoch suchte er einen neuen Geldgeber, einen Finanzier, der bereit gewesen wäre, die Neuentdeckungen zu drucken. Alle seine Bemühungen waren vergebens. Tief enttäuscht, von Krankheiten gezeichnet und von zunehmender Sehschwäche befallen, starb Leonhart Fuchs am 10. Mai 1566 in Tübingen.

Er war, dies kann sicherlich ohne Übertreibung gesagt werden, einer der angesehensten humanistischen Mediziner seiner Zeit, ein Gelehrter mit enormer Bildung, der im Sinne der Renaissance den griechischen Klassikern in Medizin und Heilkunde wieder Ruhm und Geltung verschaffen wollte.

Die eigentliche Lebenstragik besteht darin, dass Leonhart Fuchs der Nachwelt eigentlich als führender Mediziner in Erinnerung bleiben wollte.

Mit seinen medizinischen Schriften, seinen Studien wollte er unsterblich werden, doch die Nachwelt kennt ihn als einen der Begründer der modernen Botanik. Die medizinischen Schriften sind längst in Vergessenheit geraten.

Doch diese Tragik seinen Lebenswerkes erlebte er nicht mehr selbst. Er wird im Bewusstsein eines großen Medizinprofessors gestorben sein, der die Heilwirkung der Pflanzen der ärztlichen Kunst dienstbar zu machen versuchte.

Der Franziskanerpater und Botaniker Charles Plumier benannte, wie ich dies eingangs bereits feststellte, die Fuchsie nach ihm, und diese Fuchsie soll uns auch am 500. Geburtstag an Leonhart Fuchs erinnern. An einen großen Sohn der Stadt Wemding im 16. Jahrhundert, an eine Persönlichkeit, die zu den Geistesgrößen seiner Zeit zählte, von Kaiser Karl V (1519-1566) in den Adelsstand erhoben wurde und dessen botanisches Werk auch nach 450 Jahren noch Vorbildfunktion hat.

Internet mit links zu anderen Infos:

http://www.systbot.uni-tuebingen.de

http://www.botgarden.uni-tuebingen.de